![]() vorsicht. es wird jetzt etwas pathetisch. gibt so ein paar themen, bei denen ich pathetisch werde. eines davon ist das stilvolle besäufnis. und ich habe gestern etwas erlebt, das mich traurig gemacht hat. ich war nämlich in der besten bar, die ich je in meinem leben besuchen durfte, und ich war weiß gott schon in vielen bars. was daran traurig ist? dass diese bar in hamburg residiert. und dass ihr chefbarkeeper goncalo de sousa monteiro berlin den rücken gekehrt hat, um gemeinsam mit jörg meyer in hamburg seinen traum von einer perfekten bar zu verwirklichen. jörg meyer betreibt in hamburg bereits das café de paris, wo sie ein affengeiles tartar frisch am tisch zu bereiten und den schmackigsten boeuf bourgignon westlich von tilsit basteln. schräg gegenüber vom café de paris residiert nun diese neue wunderbar, von der ich berichten möchte, das "le lion". wer den löwen betritt, verlässt die lärmende welt da draußen. er betritt ein schattenreich von david lynch. diffuse beleuchtung. teppichboden. bizarr repetitiv gemusterte tapeten. ein dominanter tresen. von unten beleuchtete flaschen. zur linken die rum- und whisky-fraktion. zur rechten die besten gins. dazwischen ein gigantischer metallener löwe. in der mitte des tresens ein riesiges, ebenfalls von unten beleuchtetes fach mit crushed ice, hier werden die zu rührenden cocktails während ihrer zubereitung gelagert, auf dass sie kein zehntelgramm zu warm werden mögen:
ein besuch in der lion bar ist sinnlich. sehr sinnlich. links in einer holzgetäfelten wand fließt plätschernd wasser in eine karaffe und bringt eiswürfel zum knacksen. sprudelwasser wird blubbernd aus stilechten syphons ausgeschenkt. chefbartender goncalo, gewandet in ein nach schlangenleder aussehendes sakko grinst wissend, als er den zubereiteten drink galant über den tresen schiebt - und als man gerade danach greifen möchte, witscht er noch mit einem limettenschnitz über den glasrand - erst dann gibt er den drink frei.
überhaupt, ihm bei der martinizubereitung zuzusehen, es ist eine freude. in ein riesiges glas werden klingend eiswürfel unterschiedlicher größe geworfen. ein satter schuss noilly prat aromatisiert die würfel, das glas wird kurz im oben genannten eiskasten geparkt. dann werden 2/3 des noilly prat in das vor mir stehende olivenschälchen gegossen, was für eine schöne idee. der verbleibende rest wird mit tanqueray gin aufgefüllt und dann wird emsig gerührt. nun die schwere frage: mit welchem der zahlreichen bitter wird abgeschmeckt. goncalo empfiehlt einen celery bitter. dreivier tropfen ins glas. nun kommt ein zylindrisches, vorgekühltes glas auf den tresen, viel zu klein für den großen martini. goncalo seiht die hälfte des martini ins martini-glas, der rest wird in ein kleines glaskännchen umgefüllt und dem staunenden trinker auf einem eisbett daneben gestellt. so ist gewährleistet, dass möglichst der gesamte martini bei idealer temperatur getrunken werden kann. es sind genau diese details, die den lion zu einer außergewöhnlichen bar machen. perfektion hart an der grenze zum wahnsinn. so gibt es eiswürfel in mehreren größen, denn nicht jeder drink funktioniert mit kleinen eiswürfeln. gerade die komplexeren drinks verlangen zeit und genuss beim trinken; zu kleine würfel verwässern den drink. also gibt es folgerichtig eiswürfel mit bis zu 2,5 cm kantenlänge. der hang zur perfektion schließt einige verhaltensweisen ein, die man als kauzig empfinden könnte: so ist die lion bar eine der wenigen bars, in denen die tür verriegelt wird, sobald alle sitzplätze belegt sind. wer zu spät kommt muss draußen bleiben. nicht aus snobismus, sondern weil man seinen drink in ruhe genießen können soll. wer je um mitternacht in der berliner bar am lützowplatz mit einem wässrigen drink in einer um sich boxenden menge stand, um seine 0,4 quadratmeter stehplatz zu verteidigen, weiß was ich meine. das vermeidet man hier und empfiehlt eine tisch- bzw. platzreservierung. die cocktailkarte ist relativ klein und enthält ausschließlich old fashioned drinks, z.t. etwas aufgehübscht und/oder eigenkreationen. deppengetränke wie long island ice tea sucht man hier vergeblich, auch stehen "klassiker" wie mai tai oder hurricane hier ganz bewusst nicht auf der karte. die macher der lion bar haben einen bildungsauftrag - und sie können schlicht und einfach getränke, an die andere sich nicht ranwagen, weil sie komplex sind oder schnell umkippen können, so gibt es auffällig viele cocktails auf whisky-basis, was wesentlich diffiziler abzuschmecken und herzustellen ist, als ein barcardi-gepansche. es gibt eine extrakarte für wein und champagner, auch diese ist kundig zusammengestellt. essen kann man auch, ich testete canapees mit getrüffeltem schweinebraten: groß. die lion bar ist eine parallelwelt. je länger man verweilt und die teils wagemutigen drinks über die geschmackspapillen kullern lässt, desto bewegter erscheinen die tapetenmuster. der weg zum abort ist mit beleuchteten, schießschartenähnlichen wandelementen gepflastert, die wiederum an das haus des jazzmusikers in david lynchs lost highway gemahnen. man sitzt dort am tresen, schaut dem mit gespannten sehnen herumtigernden goncalo zu, wie er den raum stets neu für sich aufteilt und mit präzisen bewegungen kunstwerke vollbringt - und man ist auf ewig verloren für jede andere bar. das ist das traurige. |
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everything's gone green ° |