everything's gone green   °






Als ich einmal Kylie Minogue küsste

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich in Buxtehude stationiert war, abzuleisten meine Wehrpflicht. 18 Jahre war ich, einigermaßen blond und groß an Wuchs. Zur Frühlingszeit geschah es, dass bäuerisches Gemeindevolk in norddeutschen Gestaden umfangreiche Karnevalsfidulitäten feierte. Leidensgenossen, die man daselbst bei der Bundeswehr leichtfertig „Kameraden“ nannte, nahmen mich mit ihrem Automobil auf eine Festivität im Magnetfeld der Stadt Bremen mit.

Genau genommen nannte sich der Ort des Geschehens „Oyten“. Die hochwohlmögende Diskothek, in der Karnevalistisches geschehen sollte hieß ehrlicherweise Schuppen und sah auch wirklich ganz genau so aus. Man betrat in Kleingruppen, aus Leibeskräften schreiend, die Diskothek, erhielt aus bis dato völlig unbekannten Händen Kräuterschnäpse, klare Doppelkorngemäße, schäumende Biere und auch die eine oder andere ungewöhnlich würzig riechende Zigarette dargereicht. Unter spastischen Verrenkungen betanzte man eine Tanzfläche und tat allerley Hände-in die-Luft-Geschleuder, zuweilen auch – bei Sisters of Mercy und The Cure – den Kartoffelsammlertanz in höchster Vollendung.

Eines führte zum Anderen, die Spätigkeit der Nacht erhöhte sich Stund um Stund, dann urplötzlich ein Taschenspielertrick des Discjockeys: ohne Vorwarnung ergriff der einen güldenen Hebel, beschriftet in Sütterlin mit dem Wort „BLUES“, und legte ihn um. Funken stoben aus aller Elektrik. „Uhuhuhuuuuuuu“ – schrie es aus vieltausender Kehlenschar, im Nu waren Tanzfläche und das zugehörige Personal neu sortiert. Ich hatte all dies nicht mitbekommen, war stehengeblieben, so wie ich immer in meinem Leben hier und da stehenbleibe, verschnaufe, nix kapiere, griff mir aber geradezu trotzig und außerordentlich wahllos eine junge Dame aus der Menge, um sie zu betanzen. Sie sah aus wie Kylie Minogue. Wirklich!!

Wir tanzten, und was das Erstaunliche war, diese junge Dame fing auch sofort an, mich wiederzubetanzen, ja gar ihre Wange prüfend an meine zu schmiegen, mir später tief in meine behaarte Nase hineinzuschauen, mich sogar auf den Mund zu küssen und mir zeitgleich mit langen Fingernägeln in meiner überempfindlichen Lendengegend herumzuzwirbeln.

DABEI KANNTE ICH DIE GAR NICHT!

Nun danket alle Gott! Das war natürlich weitaus besser als alles, was ich erhofft hatte! Wir eierten getränkebefeuert wie ineinander verhakte Bojen im Meer der Tanzenden umher, und leckten einander flächendeckend die Gesichter.

Aber ich Trottel konnte wieder meinen Mund nicht halten. Weil diese junge Dame ja wie Kylie
Minogue aussah, sagte ich etwa alle 10 Sekunden emotional völlig aufgepeitscht: 'Du siehst aus
wie Kylie Minogue'. Dazu unterbrach ich sogar Zungenküsse! Nachdem ich etwa 24000 Mal gesagt habe 'Du siehst aus wie Kylie Minogue', meinte sie etwas genervt: 'Pass mal auf, ich geh jetzt auf Klo, und wenn ich wiederkomm, machen wir weiter. Dann hältst Du aber den Mund. Bleib genau hier stehen'. Weg war sie.

Ich rührte mich natürlich NICHT vom Fleck.

Nach anderthalb Stunden musste ich selbst aufs Klo und lieh mir beim Discjockey eine Rolle Gaffa-Tape. Riss zwei Streifen ab und machte mir an der Stelle, wo wir verabredet waren, ein Kreuz auf die Tanzfläche. Ging selber Pipi machen. Stellte mich danach sofort wieder auf mein Kreuz. Wartete. Wartete. Wartete. Bis in die frühen Morgenstunden. Bis der Discjockey Wolfgang Petry spielte, alle Leute ihre Jeansjacken ergriffen und nach Hause gingen. Ich stand ganz allein immer noch auf der Tanzfläche. Auf meinem Kreuz. Meine mitfühlenden 'Kameraden' schulterten mich, und immer wieder repetierte ich, während mir Spuckefäden aus dem Mund liefen, 'Sie sah WIRKLICH aus wie Kylie Minogue'. Im Auto deckte man mich gut zu und fuhr mich durch verschneite Winterlandschaften in andere Gegenden, matt und seltsam erfrischt.

(altpapier)

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