everything's gone green






„Wolle Sie e Biä habe?“

Ich saß in Frankfurt (Stadtteil Enkheim) neben Karl Liesegang, 82, Schreinermeister in Rente, auf dem Sofa, in seiner engagiert und eigenhändig aus heterogenen Teilen zusammengehämmerten Wohnung, bei grob geschätzten 31° Celsius Innentemperatur. Mir gegenüber zum einen ein aggressiv bollernder Ölofen, welcher für genannte Temperatur verantwortlich, daneben tief in ein Fauteuil gesunken, Karl Liesegangs Gattin, sicherlich auch jenseits der 75, eine unablässig lächelnde, nickende und schnaufende, außer einem gelegentlichen „Och joh“ zu keiner weiteren Artikulation fähige Person. Da saß ich und wusste nicht, ob das angebotene Bier annehmen oder ablehnen. Denn es war erst 16 Uhr. Es hätte ja eine Prüfung sein können, das mit dem Bier. Und es ging um ziemlich viel.

Es war ein klarer Februarsamstag vor ziemlich genau zehn Jahren, verzweifelt war ich ein hässliches Frankfurter Industriegebiet entlang gestapft, in welchem die Straßen Wattstraße, Voltastraße, Nobelstraße oder Bessemerstraße heißen. Das hier war meine letzte Chance. Ich brauchte eine Wohnung. Mal wieder hatte ich alles verbummelt, verschusselt, auf den letzten Tag rausgezögert, nun war der Tag gekommen, ich musste HEUTE einen Mietvertrag unterschreiben, am Folgetag umziehen und am Montag mein Studium beginnen. Alle anderen Angebote, die der Anzeigenteil der Frankfurter Rundschau hergegeben hatte, waren zu teuer, zu weit weg von meiner Bildungsstätte oder schlicht und ergreifend nur über eine Warteliste zu haben.

Also. Ein Bier? Ich sagte, „Ja, gerne“.

Ein Lächeln ging über das hagere sonnengegerbte Gesicht von Herrn Liesegang. Er polterte in die Küche und kam mit einer gut vorgewärmten Flasche Henninger zurück, die er in ein kleines, nach Pril riechendes Glas ausgoss. "Prousd, Herrrrrrrroinigge!" (Prost, Herr Reinecke)

Bevor wir zum Gegenstand unserer Unterredung – das von ihm zu vermietende Zimmer – kamen, referierte er kurz sein bisheriges Curriculum Vitae. Bis 70 hatte er in seiner eigenen Schreinerei geschuftet, als die „Wende“ kam, beschloss er sein komplettes Schreinerinstrumentarium einem maroden Zwickauer Betrieb zu vermachen. Fortan widmete er sich der Heimatdichtung und dem Leserbriefschreiben (Bild-Zeitung). Er verfügte über eine umfangreiche Pressemappe, in der er alle Erwähnungen seines Querulantentums peinlich genau mit Datum versehen aufbewahrte; den überwiegenden Teil davon las er mir auch vor. Währenddessen schenkte er mir gelegentlich nach, seine Frau reichte gegen 18 Uhr auch einige Schnittchen.

Erst als es dunkel geworden war, gingen wir in medias res. Er begann in sehr extremem Hessisch die Details der zu vermietenden Wohnung aufzuzählen: Separater Eingang, viel Stauraum, alle Möbel handgefertigt, eigene Zweierkochplatte, eigene Spüle mit fließendem (Klartext: ohne warmes) Wasser, Kühlschrankmitbenutzung, Bad und Toilette auf dem Flur. Und das tollste: Ein eigener Telefonanschluss. 400 Mark warm. Zwei Monatsmieten Kaution.

„Abä, Herroooooinigge, erzähle kann isch viel, gell?“, juxte er und zog sich jeckig am Augenlid, „jetzt schau mer uns mal das Zimmä an, gell?“ Ich sah zu seiner Frau rüber, sie nickte aufgeregt, meinte fröhlich „och joh“ und machte ansonsten mit ihren Händen repetitive Gesten, wie sie islamische Frauen aus Verzweiflung machen, wenn jemand gestorben ist.

Ich latschte Herrn Liesegang hinterher. Sein Gang war der eines Untoten. Sein linkes Bein war völlig funktionstüchtig, sein rechtes hingegen schlug bei jedem Schritt bizarr nach rechts aus. Es war eine Unwucht in ihm. Hinter Karl Liesegangs Haus befand sich eine ebenfalls eigenhändig zusammengebaute Gelderzeugungsanstalt, ein zu mehr als 50% in die Erde eingelassenes längliches Gebäude, welches verblüffend stark an ein satt im Kanal liegendes Frachtschiff erinnerte. Man ging vier Treppen hinunter und betrat einen zwölf Meter langen völlig dunklen Flur. Zur Linken und zur Rechten gingen Türen ab, die zu „denne Studendezimmä“ führten. An den Wänden des Flurs hing aus mir unbekannten Gründen Korrespondenz von benachbarten Unternehmen der Leichtindustrie, welche die Wohnanlage von Herrn Liesegang offenbar häufiger als Quartier für ihre niedrigeren Chargen benutzten. Die Schreiben waren alt und verblichen, die Postleitzahlen waren vierstellig. Am Ende des Flurs eine Toilette von den Ausmaßen einer Flugzeugtoilette (Boeing), eine rudimentäre Nasszelle, genauer eigentlich ein 1,5 qm großer gekachelter leerer Raum mit einem Gestänge und einem Duschkopf und einem Loch im Boden. Und einem Handtuchhalter.

Mein Zimmer hatte Nummer 4. Herr Liesegang schloss auf. „Bidde, Herrrrrroinigge! Drede Sie oin!“

Er ließ mir den Vortritt. Mir traten sofort Tränen der Frustration in die Augen. Das Zimmer war, und hier übertreibe ich ausnahmsweise mal nicht, weniger als 8m² groß, bestand aus einem Bett (dunkelbraun), gigantischen Hängeschränken (schwarz), einem Nierentisch, einem Teppich (beigebraun) und einer improvisierten Puppenküche mit bereits erwähnter Zweierkochplatte. Ein Fenster gab es auch, man blickte (weil Souterrain) auf das untere Ende des Jägerzauns, der Liesegangs Grundstück umjagte.

„Tipptopp, was?“, freute sich Herr Liesegang, drehte die Kochplatte auf, die beschwingt zu Summen begann, und demonstrierte die Hängeschränke, deren Scharniere tatsächlich kaum quietschten.

Klar, ich zog ein.

Was sollte ich sonst machen?

Nach der Wohnungsbesichtigung ging es zurück in Liesegangs Wohnung, welche mir inzwischen noch viel heißer schien, ich saß inzwischen in T-Shirt da, das Wurstwasser tropfte mir aus den Hosenbeinen. Karl Liesegang fragte nach den Berufen meiner Eltern. Das war der einfache Teil der Übung, Mutter Lehrerin, Vater Richter. Beamte!!! Als Liesegang hörte, mein Vater sei Richter, wurde er allerdings etwas nervös, denn der von ihm persönlich gestaltete Mietvertrag war von rührender Schlichtheit und enthielt mehrere Punkte, die Anwälte womöglich sittenwidrig finden könnten, unter anderem den Paragraphen Damenbesuch sei vorher anzumelden. Karl Liesegang konnte zu jenem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass ich regelmäßig schriftlich Damenbesuch anmelden würde. Aber ich greife vor.

Ich beruhigte Liesegang, mein Vater sei ja Richter und nicht Anwalt, also am SCHLICHTEN und nicht am VERNICHTEN interessiert, das ginge schon in Ordnung mit dem Mietvertrag. Unter Rücksicht auf meinen um 22.01 Uhr den Bahnhof Frankfurt verlassenden LETZTEN Zug nach Aachen kamen wir nun überraschend zügig zur feierlichen Vertragsunterzeichnung (Füllfederhalter, Löschpapier). Ich erhielt sogar eine kleine lederne Dokumentenmappe geschenkt. Herr Liesegangentkorkte umständlich eine Enzianflasche und schenkte uns randvoll ein. Er verabschiedete sich mit den Worten:

“Herrrrrrrrrrroinigge“, und dann kam er mit seinem Gesicht ganz nah an mich ran, „mir habe im Kriesch vor Lappland geleesche.“ (Herr Reinecke, wir haben im Krieg vor Lappland gelegen). Dann drückte er mir die Hand so fest, dass ich erneut kurz Tränen herunterschlucken musste und entließ mich durch eine kleine Öffnung in seinem Jägerzaun. Er winkte mir lange hinterher, während ich die verrotzte Borsigallee entlanglief, hin zur Endstation der U7, Enkheim. Enkheim. Herrrrrrroinigge in Enkheim. Der Enzian gärte in mir.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit einem geliehenen MB208 um 6 Uhr früh aus Aachen weg, war um halb zehn in Frankfurt und lud meinen ganzen Kack unter fachkundigen Kommentaren von Herrn Liesegang aus. Das Zimmer war so klein, dass die Umzugskartons gestapelt bündig mit der Decke des Zimmers abschlossen. Ich hatte ein ernstes Problem. Das Zimmer war VOLL mit Kartons, ich würde also das Auspacken selber auf dem Flur machen müssen. Doch erst mal hieß es nach einer kurzen Vesper den Transporter zurück nach Aachen bringen. Um 17 Uhr war ich wieder in Aachen, trank ein Entspannungsbier, latschte schwitzend zum Bahnhof, bestieg wieder den Zug nach Frankfurt und winkte zum Fenster raus. Tschüs Aachen.

Meine erste Nacht.

Ich schaffte es tatsächlich, alle Kartons auszupacken und den Inhalt in sämtlichen Schränken zu verstauen. Liesegang hatte nicht gelogen, es war in seinen Schränken außergewöhnlich viel Stauraum vorhanden, was andererseits auch nicht verwundern konnte, denn die Schränke nahmen einen Großteil des Zimmers ein, die wirklich begehbare Fläche maß unter 2m². Das Bett war eine Frechheit. Es bestand aus einem Bettkasten, der gefüllt mit mühsam zusammengeleimten Holzplatten war, offensichtlich Zuschnittreste aus der Liesegangschen Schreinerei. Ganz zuoberst eine dünne Matratze, die man heute Futon nennen würde, die aber damals, 1950, bei der Herstellung bestimmt noch anders hieß. Das Bett war steinhart, schräg und knirschte bei jeder Bewegung. Man konnte nicht mal guten Gewissens wichsen, so stark knirschte das Bett. Todmüde und frustriert rauchte ich ein paar Zigaretten, putzte mir die Zähne, legte mich auf das Bett und schlief subito ein.

Und wurde um drei Uhr morgens wieder wach. Aus dem „Studendezimmä“ nebenan piepte es in unregelmäßigen Abständen. Kein Weckerpiepen, sondern das klassische, die Soundkarte ersetzende Piepen eines betagten 386ers. Auf etwa zehn Piepen kam ein leises Rülpsen. Das nervte ein wenig. Ich klopfte leis an die Wand. Als Antwort kam ein gebrülltes „Schnauze, doo!“. Und es piepte weiter. Ich schlief wieder ein. Und wachte um 7 Uhr wieder auf. Nun hörte ich ein Schnaufen. Von draußen. Und ein Plätschern. Ich schlief ja im Souterrain. Es klang, als würde ein sehr großer Igel pissen. Ich war hellwach und plinste durch das Fenster. Frau Liesegang stand draußen und goss Blumen, direkt neben meinem Fenster. Das war das Schnaufen und Plätschern. Sie goss und goss und goss und entfernte sich dann ganz langsam wieder. Ich schlief wieder ein. Die Einführungsveranstaltung der Bildungsstätte war philantrop auf 13 Uhr terminiert. Der Wecker stand auf 12. Ich hatte noch 5 Stunden.

Um acht wachte ich wieder auf. Herr Liesegang stand nun am Gartentor, 80 cm Luftlinie von meinem Souterrainfenster entfernt, und führte Selbstgespräche. „Ei ei ei ei ei, was e Sonneschein. Hällisch.“ Ich schlief wieder ein. Wenig später Klirren. Neben meinem Fenster war nämlich auch die Mülltonne. Liesegang zertrümmerte mit einem stumpfen Gegenstand die vorgestrige Enzianflasche direkt in die Mülltonne hinein. Ich gab das Schlafen auf und ging duschen.

Die Dusche war so klein, dass mein Handtuch nach dem Duschvorgang nass war.

An der Wand hing, mit Tesafilm lackiert, ein handgeschriebener Zettel: „Bitte Körperhaare entfernen“. Ich musste einen Moment lang überlegen um zu verstehen, dass es hier nicht um regelmäßige Rasur ging, sondern darum, beim Duschen entstandene bzw. abgefallene Sackhaare nicht in der Duschwanne liegen zu lassen. Ich zog meine Brille an, bückte mich, suchte nach Sackhaaren, fand aber keine. Das würde ja ein geiler Tag werden. Ich nahm mir für den Abend vor, den Verursacher des Piepens ausfindig zu machen.


Als ich abends nach Hause kam, stand meine Zimmertür offen. Herr Liesegang stand in meinem Zimmer, mit einem ausgeschalteten Staubsauger. Als er mich kommen hörte, machte er schnell den Staubsauger an und täuschte Staubsaugen vor. Ich teilte ihm mit, dass ich selber in der Lage sei, das Zimmer sauber zu halten, machte den Staubsauger wieder aus und bat unter Berufung auf das deutsche Mietrecht darum, künftige Vermieterbesuche in dem von mir angemieteten Zimmer vorher schriftlich anzumelden. Liesegang antwortete beleidigt, „Herrrrrrrrrroinigge, mir sind alles Menscher. Mir mache Fehler, es ist alles menschlisch“, dann brabbelte er kopfschüttelnd und beinrechtsausschlagend davon, den Staubsauger polternd hinter sich herziehend.

Beim Nachbarn piepte es wieder. Ich klopfte. Es machte mir ein Mittdreißiger mit versoffener Visage auf. Das erste, was ich sah, waren mehrere grell getigerte Tanga-Unterhosen, die auf dem Heizkörper lagen. Zwei leere Kästen Binding Lager sprachen eine deutliche Sprache. Und richtig, ein 386er. Auf dem Bildschirm befand sich eine Skat-Software (DOS-Version). Ich stellte mich als neuer Mieter vor, was mit einem Nicken quittiert wurde, und fragte nach dem Piepen. Ja, das würde ihn auch nerven. Er spiele nachts gerne Skat mit dem Rechner, aber jeder Tastendruck (Mischen, Austeilen, Reizen, Stock aufnehmen, drücken, Karte ziehen, etc.) habe ein Piepsen zur Folge. Da könne man leider nichts machen. Wir schraubten seinen Rechner auf, ich entfernte das Kabel vom Motherboard zum Lautsprecher, und dann war Ruhe. Die Frage, was er denn „sonst so mache“, beantwortete er diffus und ausweichend.

Als ich gerade unter artistischen Verrenkungen Miracoli kochte, klopfte es. Herr Liesegang wollte mir seine Tochter vorstellen. Sie bewohnte ebenfalls eines der Souterrainzimmer. Sie war Mitte vierzig, pummelig, insgesamt von schlichter aber gutmütiger Natur. Sie mache gerade eine Umschulung, außerdem sei sie frisch geschieden von einem Italiener, einem „egelhafden Suffkopf“. Als Starthilfe für die soeben aus Italien zurückgekehrte hatte Herr Liesegang ihr zum Sonderpreis eines seiner kommoden Appartements zur Verfügung gestellt. Ob ich eigentlich einen Computer hätte?

Ja, hatte ich.

Seine Tochter, Irene hieß sie, beginne einen Computerkurs, Excel, ob sie da gelegentlich bei mir üben könne.

Ja, konnte sie.

Nachts piepte es wieder. Der Nachbar war sturzbesoffen, er rülpste laut und prügelte dann und wann auf die Tastatur ein. Wahrscheinlich ein verrissener Grand Hand.

Ich weiß, dass es sehr konstruiert klingt, aber vier Tage später erfuhr ich von Herrn Liesegang, dass mein Skat spielender Nachbar in einem Waldstück tot aufgefunden worden war. Ich konnte keine Trauer empfinden. Es kamen nun öfter am Tag Menschen vorbei, die, Herrn Liesegang im Schlepptau, das Nachbarzimmer besichtigten. Die meisten rannten hektisch lachend gleich wieder davon. Nach einwöchigem Auswahlverfahren blieb ein baumlanger Däne mit Vollmondgesicht übrig, der nun mein Nachbar wurde. Er radebrechte ein wenig Deutsch, ich erfuhr, dass er in einer benachbarten Firma als Konstrukteur arbeitete. Ein Akademiker!

Er war der einzige Ausländer, und von nun an hatte Herr Liesegang ihn auf dem Kieker. Jeden Morgen das gleiche Ritual: Der Däne ging duschen, tapste zurück in sein Zimmer. 120 Sekunden später Auftritt Karl Liesegang. Kontrollgang durch die Dusche. Sackhaar entdeckt. Lautstarkes Bumpern an die Nachbartür. Wortgefecht. Nachreinigen der Dusche durch den Dänen. Später: Weinender Däne nebenan. Das Skat-Piepsen war irgendwie besser gewesen, dachte ich traurig.

Es wurde schlimmer. Der Däne wollte Dänenfernsehen kucken und bat um die Genehmigung eine Satellitenschüssel zu installieren. Karl Liesegangverweigerte diese Genehmigung. Der Däne ging zu einem Anwalt und erfuhr dass es sein Grundrecht sei, Dänenfernsehen zu kucken, er müsse allerdings die Satellitenschüssel selber anbringen lassen. Da der Däne handwerklich halbwegs geschickt war, stolperte er einfach am folgenden Wochenende auf das Dach und fing an zu basteln. Ohne Karl Liesegang vorher zu informieren.

Es dauerte weniger als eine Minute, bis Liesegang bemerkte, dass der Däne sich am Dach seines Hauses zu schaffen machte. Er fing an zu zittern und kriegte einen Tobsuchtsanfall und brüllte, bis cremige Speichelflecken in seinen Mundwinkeln klebten. Dann rief er die Polizei. Man kannte Liesegang schon, bei der Polizei. Sie nahmen ihn zu Begrüßung in den Arm, "Na, Karle, was hast denn nu scho wiedä?", alles Weitere bekam ich nicht mit, weil ich zur Bildungsstätte musste. Ich weiß nur, dass von nun an eine Satellitenschüssel auf dem Dach war und der Däne täglich von 18-24 Uhr Dänenfernsehen kuckte und dabei Dänenbier von der Tankstelle (Faxe) trank. Jeden Abend genau 2 Liter. Ich war inzwischen auch beim abendlichen Biertrinken (Veltins, 1,5 Liter) angekommen, spielte auf meinem PC Tetris bis alles viereckig war und ich von herabfallenden farbigen Blöcken träumte und so wuchs mir eine gemütliche Wampe.

Irenchen kam jeden Sonntag zum Excel üben und Kaffee trinken auf meine "BUDE".

Ja, einige Monate lang herrschte eine Art Friede bei den Liesegangs

Mein erster Damenbesuch.
Ja, ich hatte damals eine Freundin. Die lebte aber in Berlin. Meist fuhr ich sie besuchen, es war die Zeit des Guten-Abend-Tickets. Man konnte für 59 Mack von Frankfurt nach Berlin fahren, der Zug fuhr 19.01 ab und war kurz nach Mitternacht in Berlin.

Eines Tages jedoch musste sie dienstlich nach Frankfurt, so ergab es sich, dass sie mich besuchen kam. Ich schob Herrn Liesegang einen kleinen Zettel unter der Tür durch und meldete eine Woche im Voraus formlos den Damenbesuch an. Zum Termin des Besuchs hin intensivierte sich die Besuchsfrequenz von Herrn Liesegang in unserer Hütte. Zuletzt, nachdem vorgenannter Frieden eingetreten war, war Herr Liesegang nämlich nur noch 1x wöchentlich in unser Souterrain-Paradies gewackelt gekommen, um den dortigen Kühlschrank mit Essig auszuwischen („des is appedidlischä, wenn man des oimal prou Worre dorschreinigt! Aach weeschen die Bagdérier“). Nun jedoch schaute er immer wieder mal nach dem Rechten, überprüfte den Duschkopf, machte regelmäßige Funktionsprüfungen des Toilettenspülkastens, reinigte mir einer alten Drahtbürste die Teppichleisten des Flures, schraubte sogar hie und da neue Glühbirnen ein, war ergo insgesamt geschäftig; eine gewisse positive Grundspannung lag in der Luft.

Die Freundin nahte. Zufällig war Herr Liesegang am Gartentor zugegen, als sie eintraf. ER begrüßte sie mit einem herzlichen Liesegangschen Händedruck, nicht ohne ihr Haar (dunkelblond, Naturlocken), ihre Brüste (Cup B, Birnenform), ihr Becken (schlank) und ihre Beine (klassisch) genauer zu mustern. Bevor er ihr mit seinem fauligen Atem und dem knackenden Gebiss näher kommen konnte, dirigierte ich sie in mein unterirdisches Gemach. Als sie es zum ersten Mal sah, schwieg sie länger; es war apathisches an ihr. Ich führte sie zum Bergen-Enkheimer Italiener aus, der einzige Italiener weltweit, in dem man den Parmesankäse extra bezahlen muss (Kellner: „Ische musse de schließelich auche bessale, eh?“

Als wir wiederkamen, standen die Zeichen auf Erotik. Doch was tun? Nebenan saß der Däne und schaute das erste Mal in seinem Leben kein Dänenfernsehen, sondern las ein Buch, man hörte das Umblättern durch die papierdünnen Wände. Draußen patrouillierte schnaufend Frau Liesegang, auch sie goss erstmalig nachts die Blumen. Schwach genervt schloss ich das bis daher gekippte Fenster und ließ schmetternd die Jalousien runter. Wir mussten es auf dem Boden machen, aber wie ich schon sagte, auch die begehbare Fläche war sehr klein, außerdem war sie L-förmig. Die einzige Möglichkeit, anatomisch vertretbaren Geschlechtsverkehr zu vollziehen bestand darin, mit den Köpfen unter dem Ess- bzw. Schreibtisch zu liegen, und den Rest des Körpers seitlich durchzubiegen. Der Tisch hatte allerdings eine Schublade, somit war die Kopffreiheit gering. Aber ein junges Paar im Feuer frischer Leidenschaft kann auch das „händeln“, wie wir Unternehmensberater gerne sagen. Schwerer händelbar war allerdings, dass inzwischen auch Herr Liesegang im Flur eingetroffen war, wahrscheinlich für eine außerplanmäßige Kühlschrankinnenraumreinigung; es war dies durch leise brabbelnde Selbstgespräche klar erkennbar.

Wir taten das einzig richtige. Anstatt nun völlig zu verzweifeln und Rücksicht wie die Doofen zu nehmen, taten wir das Gegenteil und fickten laut und lange auf dem Bett. Wir fickten die gesamte Bagage aus dem Haus, so, da hatten sie's nämlich, die Ärsche.

Sprit
Es war an einem Samstag, als ich gegen 10 Uhr das Haus verließ und meinen Fiat Uno erklomm, um zur Bildungsstätte zu fahren. Gerade hatte ich unters Lenkrad gefasst und den Choke bis zum Hals rausgezogen; der drehfreudige Motor sprang bei der ersten Umdrehung des Anlassers an und röhrte sofort satt auf 3 Zylindern in Richtung eines vitalen Standgases von 2400 Touren, da sah ich Irene die Straße entlangwatscheln, Richtung Gartentor der Liesegangschen Wohnung. Sie wirkte leicht gangunsicher. Ich schaute ein wenig zu, wie sie das Gartentor aufschloss, bzw. es versuchte. Es dauerte lange. Nach einer guten Minute hatte sie das Tor offen, sie fiel in Richtung des Tores und blieb dann einfach so auf dem Boden liegen, wie ein Maikäfer, der nicht hochkommt, nur andersrum.

Gerade als ich aussteigen und assistieren wollte, sah ich wie Karl Liesegang voller Panik sein Haus verließ, auf das Gartentor zueilte und seine Tochter mittels eines Sanitäter-Rettungsgriffes blitzartig in das Souterrain-Wunder verfrachtete. Ich fuhr los und vergaß den Vorfall zunächst.

Abends, als ich wiederkam, war irgendetwas anders geworden. Schriftsteller reden immer gerne von einer veränderten Molekülstruktur der Luft, wenn sie andeuten wollen, das etwas Bedeutungsvolles geschehen ist, was natürlich sowohl literarisch als auch physikalisch völliger Blödsinn ist. Hier war die Sache wesentlich profaner. Es stank im Flur. Nach süßem Sprit. Vielleicht Kirschwasser, vielleicht Amaretto. Es stank sehr stark. Irene musste sich am Vorabend schlimm die Kugel gegeben haben.Ich ging erst mal in mein Zimmer und kochte Miracoli (ich ernährte mich etwa 12 Monate lang von Miracoli, Apfelwein und Veltins, und es hat mir nicht geschadet). Während ich so an meinem Tisch saß und aß, hörte ich Karl Liesegang wieder an seinem Gartentor Selbstgespräche führen. Das ging so.

||: Ei, ei, ei, ei, ei.. [...] Irrrene (mit rollendem „r“) Irrrrrene, Irrrrrene, ei ei ei ei ei. Was machst mit dei Eldern? Ei, ei, ei, ei, ei. :||

Ein nicht enden wollendes Lamento, im rüstigen Liesegangschen Bariton vorgetragen, monomanisch, zyklisch, vielleicht sogar ein großes Stück Kunst. Es dauerte eine knappe Stunde, dann zog Herr Liesegang seinen Hut, grüßte einen vorbei gehenden Nachbarn und zitterte in sein Haus zurück. Da war was fällig.

Am nächsten Tag klopfte Polizei am Gartentor. Gesucht: Frau Irene Liesegang. Es folgte lautstarkes Rumpumpel, erkennungsdienstliche Maßnahmen, Unterredung wegen Zechprellerei und ähnliche Unerfreulichkeiten. Gerade als sich auf dem Flur Herr Liesegang einschaltete, kam meine späte Rache, endlich wollte ich ihn mal so richtig erniedrigen. Ich ging auf den Flur und sagte, “Was ist denn hier für ein Lärm”. Herr Liesegang blickte zu Boden. Er hatte versagt, als Vater. Jetzt war es klar.

Des Abends nahm er mich beiseite. Seine Tochter sei alkoholkrank. Sie sei über zwei Jahre trocken gewesen und nun ein Rückfall. Er weinte bitterlich. In der Liesegangschen Behausung NICHT alkoholkrank zu werden, war jedoch menschenunmöglich. Ich traute mich aber nicht ihm das so zu sagen. Hätte ich besser mal.

Es wurde ungemütlich. Irene bekam väterlicherseits Hausarrest, den sie aber natürlich austrickste. Sie stieg nachts aus dem Fenster, keine besondere Leistung in einer Souterrain-Wohnung, eh klar. Sie richtete im Schutze der Dunkelheit im Garten klirrende Flaschendepots ein. Mehr als einmal kletterte sie irgendwann morgens gegen sechs Uhr würgend über das Gartentor, auch verfasste sie Zettel mit legasthenischen Botschaften, die sie nach einem unvorhersehbaren Schema mal hier, mal dort unter der Tür durchschob. Einen dieser Zettel habe ich heute noch, es steht darauf:

“RURE JETZT! IH WILL SLAFEN.“

Ein Zettel, den ich ihr oft genug selber unter der Tür durchgeschoben hätte.

Nach einigen Wochen hatte sie sich wieder gefangen.

Eines Tages betrat Günther die Szenerie, er hatte einen ansonsten weitgehend teilnahmslosen Menschen aus einem der hinteren Zimmer abgelöst, der sein Studium vorschriftsmäßig beendet hatte und still und heimlich ausgezogen war.

Günther war völlig wahnsinnig. Er reichte mir bis zur Schulter, hatte eine neckische blonde Kurzhaarfrisur, kam überdies aus Wien und fuhr ein hochkalibriges Motorrad. Die Strecke Wien-Frankfurt hatte er bei strömendem Regen nonstop mit besagtem Motorrad zurückgelegt.

Er war wie auf Koks, es war kaum zu ertragen. Wenige Minuten nach seinem Einzug (sein Hab und Gut hatte er mit UPS verschickt, eine Idee, die bis heute für mich nichts von ihrem Charme verloren hat, angeblich hatte der ganze Umzug nicht mehr als 900 Schilling (heute ca. 65 EUR) gekostet)) bumperte er bereits an meine Tür und wollte mit mir was SAUFEN gehen, aber RICHTIG. Permanent erzählte er von seinen überlaufenden Girokonten, er wolle Banker werden, und zwar so richtig und vollständig, und wenn er erst mal käme, dann würden sie aber alle mal KUCKEN, da wäre aber RAMBAZAMBA und überhaupt.

Ich ließ ihn labern, immerhin zahlte er immer alle Getränke, wenn man saufen war. Irgendwann waren alle einschlägigen Kneipen zu, sogar der Dreikönigskeller, und wir erwarben an einem sog. "Wasserhäuschen" einige ambulante Dosenbiere und machten uns auf den Heimweg. Günther warf ausgetrunkene Dosen einfach so in die Gegend, völlig widerwärtig, kaputt.

Als wir heimkamen, traf zeitgleich mit uns Irene ein, auch sie kam offensichtlich von einer Erfrischungstour zurück, Günther hakte sie unter, sie muss später mit ihm noch Beerenschaumwein entkorkt haben, genaues weiß ich nicht, weil ich irgendwann Ohrenstopfen reintat um schlafen zu können.

Was ich weiß ist, dass Bad und Toilette einen Tag nicht benutzbar war, dass Irene danach in eine Klinik kam und Günther gekündigt wurde. Karl Liesegang hatte da gewisse Prinzipien, und erstmalig mochte ich ihn dafür.

Musste UPS halt nochmal kommen.

Wie zu reynigen sey
Karl Liesegang hatte sein Leben der Effizienz und Vernunft gewidmet. Wie schon erwähnt, "roinischde" er wöchentlich den Kühlschrank. Der Kühlschrank verfügte über vier Etagen, für jeden Mitbewohner eine. Die Etagen waren mit kleinen Zettelchen nummeriert, auf dass ein jeder seine Lebensmittel akkurat ausrichten konnte.

Lehrreich war der Flur, er enthielt außer der o.g. Korrespondenz (die wohl aufgrund der Briefköpfe der Firmen, die Liesegangs Bude für ihre Mitarbeiter anmietete eine Art Seriosität Herrn Liesegangs beweisen sollte) auch Zeitungssausschnitte. Einen davon hatte er sogar mal im Kopierladen von A4 auf A3 hochkopiert, er trug in gewaltigen Lettern die Überschrift "Lieber kurz und gründlich lüften". Man lernte, warum das besser sei, ich habe es allerdings trotzdem bis heute vergessen.

Liesegang liebte Sachen, die nützlich und kostenlos waren. Ich staunte gar nicht mal so übel, als ich eines Tages, inzwischen war Winter eingekehrt, Herrn Liesegang vorfand, als er von draußen Schnee (ja, Schnee) in den Flur schaufelte. Bevor ich fragen konnte, belehrte er mich:

"Schnee isd saubä. Dodemit konn isch dä Fluä saubä roinische, ohne Budsmittel."

Er schaufelte also erst den Schnee in den Flur, dann verrieb er diesen mit einem Schrubber gleichmäßig in die düstere Auslegeware, um wenig später, als die Wintersonne herausgekuckt kam, mittels aller im Haus befindlichen Fenster und Türen einen sibirischen Durchzug veranstaltete. Dieser Durchzug sollte den Schnee trocknen, es klappte aber nicht völlig super. Zwei, drei Tage lang machte der Flur unter meinen Adiletten eine Art "quatschel quatschel"-Geräusch, dann trocknete er tatsächlich.

Mit dem Winter begann die Heizperiode. Liesegang klärte mich auf. "HErrrrrrrrrroinigge, es kann sein, dass die Hoidsköbbä heute a bissi knagge, isch hab die Heizanlahre angeschdelld". Etwa eine Stunde später kamen aus der Heizung und den daran befindlichen Rohren Geräusche, als wenn irgendwo mit einer Kreissäge Metall durchgesägt würde. Es klang wirklich außerordentlich gefährlich. Also tapste ich in Liesegangs Haupthaus und vermeldete ungewöhnliche Geräusche.

"Koine Angsd, isch habe Ihnär doch gesagt, des knaggt ä bissi, des muss sisch alles erschd wieder einfinde". Liesegang wirkte sehr zuversichtlich, das rührte vielleicht aber auch von seiner Schwerhörigkeit. Ich wartete zwei Stunden, doch der Lärm war unerträglich geworden. Inzwischen waren sogar Menschen vom Nachbargrundstück eingetroffen, die sich nach der Lärmursache erkundigten. Liesegang ging murrend in den Heizungskeller, wo das Epizentrum der Geräusche lag. Und nun geschah etwas. Seine Augen weiteten sich, er schraubte panikartig überall Sicherungen raus (Porzellansicherungen, rund) und begann einen unkontrollierten Veitstanz und brüllte uns an:

"WARUM HABE SIE NIGGS GESAGT? DES KÖNNT ALLES IN DIE LUFT FLIESCHE HIÄ, WARUM SAGE SIE DENN NIGGS?"

Er hatte vergessen, irgendwo Wasser reinzupumpen oder abzulassen, verstanden habe ich es bis heute nicht, jedenfalls war die Heizung ernsthaft kaputt und ein externer GasWasserScheiße-Spezialist musste anrücken. Eine Schande für Karl Liesegang.

De GWS-Mann polterte in den Heizungskeller, kam düster murmelnd und kopfschüttelnd wieder heraus und verbrachte die folgenden drei Tage im Keller. Hämmernd und schweißend, bohrend und klopfend. Es muss nicht erwähnt werden, dass all diese Geräusche aus dem Epizentrum über Schallwellenfortpflanzung nahezu ungemindert mein Zimmer, in erster Linie jedoch meinen am Heizungsrohr entlang geparkten Schreibtisch erreichten. Es war relativ schwer, so zu arbeiten.


Mehl
Auch wenn ich Herrn Liesegang untersagt hatte, mein Zimmer während meiner Abwesenheit zu betreten, hatte ich trotzdem das Gefühl, er schleiche dann und wann mit prüfendem Blick in meiner Kemenate herum, wenn ich tagsüber in der Bildungsstätte oder des Nachts im Wirtshaus herumbastelte. Mal war, als ich abends heimkam, die Zimmertür doppelt abgeschlossen, auch wenn ich sie beim Weggehen nur einfach verriegelt hatte, mal roch es schlicht und einfach nach Heizöl (Karl Liesegang roch immer etwas nach Heizöl, keine Ahnung warum).

Ich stellte ihm eine Falle. Dazu präparierte ich die beiden das Zimmer dominierenden Hauptschränke folgendermaßen: In die Schrankinnentüren hämmerte ich je eine Reißzwecke. An diese knotete ich je ein Stück Zwirn. Die Zwirne wiederum band ich an je einer Tüte Mehl fest. An einer OFFENEN Mehltüte, versteht sich. Sodann hieß es, die Mehltüte vorsichtig in den Schrank zu stellen und mittels eines Knotens den Zwirn so lang zu dimensionieren, dass er bei langsamem vorsichtigen Öffnen des Schrankes lang genug war, die Mehltüte unfallfrei von Hand aus dem Schrank herauszubugsieren. Ein Unwissender, der mit Schmackes die Schranktür öffnen würde, tja, der....

Ich wartete, und wartete, und wartete, und wartete. Und einen Tag geschah es. Ich kam wie gewohnt Freitags um 15 Uhr nach Hause, da fing mich Herr Liesegang am Gartentor ab. Sein Overall war mehlbestäubt.

"Herrrrrrroinigge, sie könne ned in Ihr Zimmer, es hat..." - er zitterte - "oinen Wassäschade gegäbe. Oin Rrrrrrrrrohbrrrruch. Isch muss des ersd alles in Ordnung bringe."

Er schluckte aufgeregt, ich hatte einen Moment wirklich Angst ein Herzinfarkt oder Schlaganfall stünde unmittelbar bevor. Mein ursprünglicher Plan ihn ein wenig weiter zu quälen, konnte nicht durchgeführt werden, ich hatte ehrlich Angst um ihn. Er war völlig aufgelöst und lief hospitalistisch zwischen Gartentor und der Eingangstür des unterirdischen Wohnbunkers hin und her, dabei staubte er sehr stark.

"Herr Liesegang, ich gehe erst mal einen Kaffee trinken. Machen Sie den Wasserschaden in Ruhe weg."

Ich trollte mich, ging nach gegenüber, ins so genannte "Hessen-Center", einen der schrecklichsten Orte der Welt überhaupt, ein Einkaufszentrum der Güteklasse E, dort wiederum gab es einen Metzger namens "ZEISS", der pures Fett und sehr schlechten Kaffee verkaufte. Da ging ich hin und setzte mich auf viele viele Tassen Kaffee. Ich wollte ihm Zeit geben.

Nach wenigen Minuten kam Liesegangs Frau angewackelt. Sie erkannte mich glücklicherweise nicht, trabte mit angstgeweiteten Augen zu Aldi und kam mit zwei Packungen Mehl wieder heraus.

Ich fühlte mich enorm scheiße. Blieb da sitzen bis das Hessen-Center zumachte. Dann wieder zurück in meine Butze.

Vorsichtig lugte ich über den Gartenzaun. Liesegang war nicht zu sehen. Ich schloss meine Zimmertür auf. Er hatte nicht nur superordentlich gesaugt, er hatte sogar die Mehlbeutel inklusive des Zwirns wieder in den Schrank gefummelt (wenn auch falsch herum gestellt, das "DIAMANT"-Logo nach hinten, aber das konnte er nun wirklich nicht wissen). Ja, er hatte sogar ein bisschen Wasser auf den Boden gespritzt, um einen Wasserschaden zu simulieren.

Ich denke, es war ihm eine Lehre. Und mir auch so ein bisschen.


Die Mehl-Episode war ein tiefer Einschnitt für alle Parteien, sorgte aber letztlich (wie es ja bei tiefen Einschnitten oft ist) für eine gewisse Professionalisierung der Beziehung Vermieter/Mieter. Anders formuliert: Früher war ich dem Vermieter ausgewichen, zum Einen wegen des von ihm ausgehenden diabolischen Heizölgeruchs, zum Anderen weil man schon nach kurzem Sichtkontakt mit sofortigem Andocken und Privatgesprächen nicht unter 45 Minuten Länge bestraft wurde. Nun war es umgekehrt, Herr Liesegang mied mich. Einziger als solcher zu bezeichnender persönlicher Kontaktpunkt war die monatliche Bar-Übergabe des Mietzinses (Herr Liesegang hatte es nicht so mit Überweisungen, das böse Finanzamt!), und selbst diese delegierte er kurzerhand an seine Gattin. Es ging dabei geradezu verschwörerisch zu. Zunächst bettelte ich zum Monatsersten in der DEUTSCHEN BANK - Filiale des Hessen-Centers um Ausweitung meiner persönlichen Dispositionslinie, dann ließ ich mir 400 DM auszahlen, wackelte rüber vor die Liesegangsche Haustür und klingelte. Herr Liesegang schlurfte an, ich sah sein Auge durch den Türspion gnickern, dann entfernte er sich wieder. Laut schnaufend näherte sich dann seine Frau, sie öffnete die Tür, ließ ein herzliches "Och joh" fahren, nahm mit tremolierenden Fingern das Bargeld entgegen und reichte mir im Gegenzug eine bereits vorher kalligraphierte, auf der Fensterbank liegende Quittung. "Auf Wiedersehen, Frau Liesegang" - "Och joh!"

So ging das.

Irgendwann hatte ich eine andere Wohnung gefunden. Ich kündigte meinen Mietvertrag schriftlich, man weiß ja nie, und erhielt auch prompt am gleichen Tag eine Bestätigung der Kündigung unter meiner Tür durchgeschoben. Ich packte wieder alles in Kisten, ließ den UPS-Mann kommen, und irgendwann war es soweit: Ich übergab Herrn Liesegang seine Schlüssel und tapste in die Freiheit. Die letzten Worte, die ich aus Herrn Liesegangs Mund vernahm, waren:

"Herrrrrrroinigge, isch ziehe där Hut vor Ihne", dann zog er seinen umfangreichen Cordhut und winkte mir damit hinterher, aus seiner kleinen Öffnung des Jägerzauns. Ich wüsste gerne, ob mein Kündigungsschreiben jetzt auch in diesem düsteren Flur an der Wand hängt. Irgendwann, das habe ich mir geschworen, gehe ich da nochmal vorbei.

Endet hier.

(ach damals)

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